Grabsteine

Grabsteine erzählen Geschichte und Geschichten

Hartmut Hegeler und Jürgen Düsberg | Foto: Jürgen Thoms

Eine besondere Aufmerksamkeit verdient die Arbeit der Unnaer Pfarrer i.R. Hartmut Hegeler und Jürgen Düsberg. Beide befassen sich mit der Aufarbeitung der Geschichte und der Geschichten um die Grabsteine des ehemaligen Friedhofs rund um die Ev. Stadtkirche. Heute stehen die Grabsteine in der Stadtkirche. „Aber“ so Hegeler, „das sind bei weitem nicht alle. Es ist davon auszugehen, dass einige in die Baumasse Unnaer Gebäude eingegangen sind.“

Der Förderverein ist dankbar für das Engagement beider. Die Erhaltung der Stadtkirche als Gebäude ist uns wichtig. Wenn es gelingt, etwas mehr über ihre Geschichte zu erfahren – auch im Detail – und die Menschen dafür zu interessieren, dann ist das für unsere Arbeit förderlich.

Berichte über die Arbeit der beiden Pfarrer

Bericht des Hellweger Anzeigers vom 6. März 2018

Bericht des Hellweger Anzeigers vom 15. April 2020

Aus „Unsere Kirche“ – 12. KW 2020

Aus „Unsere Kirche“ – 13. KW 2020

Aus „Unsere Kirche“ – 14. KW 2020

Aus „Unsere Kirche“ – 21. KW 2020

 

62 Grabsteine in der Ev. Stadtkirche Unna

Wahrscheinlich wurde die Urpfarrkirche in Unna um 800 n. Chr. an der Stelle eines heidnischen Kultplatzes errichtet. Spätestens seit dieser Zeit bestatteten die Bewohner des Ortes Unna ihre Verstorbenen um diese Kirche herum. Nach der Reformation im Jahr 1559 war dieser Kirchhof den Evangelischen vorbehalten. Verstorbene Angehörige der kleinen katholischen Gemeinde wurden auf dem „Bauernfriedhof“ „vor dem Massener Thore“ beigesetzt, der 1634 urkundlich erwähnt wird und für Gemeindemitglieder aus den umliegenden Bauerndörfern Massen, Afferde und Uelzen bestimmt war. Dieser Friedhof lag ungefähr an der Stelle des heutigen „Platzes der Kulturen“ hinter der Lindenbrauerei.

Die Abbildung entstand ca. 1936 und zeigt den Zustand der Ev. Stadtkirche vor dem grossen Stadtbrand im Jahre 1723 und vor der Erneuerung in den Jahren 1863 bis 1873, also noch ohne den Turmumgang, die Balustrade, die Fialen und die Wasserspeier. Die Abbildung zeigt aber Gräber und Grabsteine unmittelbar von der Kirche.

Seit 2015 erinnert eine Gedenktafel an diesen Friedhof auf dem Kirchplatz, auf dem von ca. 800 n. Chr. bis 1820 Beerdigungen stattfanden, also über 1000 Jahre lang.

Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts weisen Grabsteine auf Beerdigungen hin, die innerhalb der Stadtkirche stattgefunden haben. Besonders angesehene Personen wurden in einem Grab im Altarraum oder im Chorumgang der Kirche beigesetzt. Das Grab wurde mit einer ebenerdigen Grabplatte geschlossen. Inschriften in lateinischer oder deutscher Sprache wiesen auf den Verstorbenen hin. Einige Male wird die Ehefrau auf einer zweiten Tafel auf diesem Stein mit ihren Lebensdaten erwähnt. Viele Grabsteine zeigen Wappen, es sind die Hausmarken der Familien der Verstorbenen oder Ahnenwappen adliger Familien. Die Steinmetze hatten auf den Grabplatten barocken Schmuck angebracht: Blätter, Engel und Todessymbole, wie ein Stundenglas, Schädel oder gekreuzte Knochen.

Der älteste Stein trägt die Jahreszahl 1597 und wird einer weiblichen Person aus der damals angesehen Familie von Büren zugeordnet. Sie hat gelebt, als Philipp Nicolai Pfarrer zu Unna war (1536 – 1603) und war möglicherweise eines der Opfer der derzeitigen Pestepedemie.

Etwa 200 Jahre lang fanden innerhalb der Stadtkirche Beerdigungen statt. Im Jahre 1794 regelte das vom Preussenkönig Friedrich der Großé (1740 – 1786) angestossene „Allgemeine Landrecht“ u.a. das Bestattungswesen in Preussen neu. Bestattungen waren in Wohngebieten und damit innerhalb von Kirchen nicht mehr statthaft.

Als am 20. Oktober 1794 Maria Antonetta Basse, geb. Wiemann im Alter von 42 Jahren starb, war ihr Grabstein, der das Allianzwappen der Familien Basse und Wiemann trägt, der letzte erhaltene Grabstein innerhalb der Stadtkirche. Ihr Gatte war Bürgermeister Jobst Heinrich Basse, der nach dem preussischem Erlass vom 1. Juni 1794 den neuen ausserstädtischen Friedhof an der „Chaussee nahe der Windmühlen“, dem „Westfriedhof“ an der Massener Strasse einrichten liess. Dort fand 1821 die erste Bestattung statt.

Seit 1820 wurden auf dem Kirchhof auch ausserhalb der Stadtkirche keine Gräber mehr angelegt. Der Kirchhof wurde eingeebnet, die Grabsteine entsorgt. Ihr Verbleib ist unbekannt. Lediglich tauchen Fragmente in Kellern, Hinterhöfen oder als Treppenstufen in Wohnhäusern Unnaer Bürger auf.

Im Jahr 1911 veranlasste der damalige Pfarrer Friedrich von Velsen (1888 – 1923), dass die von Abnutzung bedrohten Grabsteine im Fußboden der Stadtkirche aufgenommen und senkrecht an den Innenwänden der Kirche aufgestellt wurden. Heute stehen im Chorumgang 32 Steine, an der westlichen Innenwand des Haupteingangs 15 Steine und in dem Nebenraum des Emporenaufgangs befinden sich weitere 15 Grabsteine.

Erhalten sind u.a. die Gedenksteine von elf ehemaligen Pastoren der Stadtkirche, von acht Bürgermeistern der Stadt Unna, neun Ehefrauen sind mit eigenen Grabsteinen bedacht. 14 Grabsteine erinnern an früh verstorbene Kinder angesehener Bürger. Neun Grabsteine sind Angehörigen der Adelshäuser von Ascheberg von Haus Heyde und vom Romberg von Haus Massen zuzuordnen.

Bedauerlicherweise ist der Grabstein von Pastor Thomas Davidis im Nebenraum unter der Treppe durch einen Schrank verstellt. Er war von 1631 bis zu seinem Tode im Jahre 1689 58 jahrelang Pfarrer der Stadtkirche in Unna und lutherischer Generalinspektor der Grafschaft Mark. Er erlebte am 4. Advent des Jahres 1660 bei einem schweren Unwetter den Einsturz des Kirchturmes und den Zusammenbruch der Gewölbe im Mittelschiff der Kirche mit und leitete den Wiederaufbau.

Von diesem Ereignis zeugt die lateinische Inschrift im Mittelschiffsgewölbe. Daneben erzählt ein weiterer lateinischer Text, dass Pastor Thomas Davidis den Wiederaufbau der Kirche am 17. November 1663 vollendet hat.

Unna, im August 2019
Jürgen Düsberg, Pfarrer i. R.

Bildrechte: Abbildung der Kirche = gemeinfrei; alle anderen Bilder Hubert Brandt, Unna