Erhaltene Schätze

Philipp Nicolai
Quelle: Wikipedia

Philipp Nicolais Choräle „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und „Wie schön leuchtet der Morgenstern“

Philipp Nicolai ist der Dichter und Komponist dieser beiden beachtenswerten Kirchenlieder, die beide zum  Standard-Repertoire der Gesangbücher gehören und speziell zur adventlichen und weihnachtlichen Zeit erklingen

Auch heute noch ist sein Name eng mit der Ev. Stadtkirche Unna verknüpft.  Er ist der Namenspatron der 1949 von Uwe Röhl gegründeten Kantorei.

[Fassung aus Nicolais Freudenspiegel des ewigen Lebens, 1599]

So schön und harmonisch sich Texte und Melodien präsentieren, so überaus scharf, agitatorisch und polemisch präsentierte sich Philipp Nicolai als lutherischer Prediger an der Wende zum 17. Jahrhundert. Es war eine Zeit heftiger Glaubensauseinandersetzungen, und diese wurden mit großer rhetorischer Schärfe geführt. 1556 erblickt Philipp Nicolai, den die Westfälische Kirche von heute eine Zeit lang etwas großzügig als einen Westfalen reklamierte, in Mengeringhausen, also im Waldecker Land nahe Arolsen, das Licht der Welt. Er stammt aus einer angesehenen evangelisch-lutherischen Pfarrersfamilie. Nicolai studiert in Erfurt und Wittenberg Theologie, fühlt sich als Wächter der reinen lutherischen Lehre und bekämpft, wie der Unnaer Geschichtsforscher Friedhelm Feiler es formuliert, „alle anders liegenden Glaubensrichtungen, besonders jedoch den seine Kirche spaltenden, ihm stark verhassten Calvinismus“.

Die Stadt Unna, in der die calvinistische Gemeinde das Stadt- und Kirchenregiment zu übernehmen droht, wird 1596 auf den rhetorisch begabten Doktor der Theologie und offensiv-aggressiven Prediger Philipp Nicolai aufmerksam und verpflichtet den zu jenem Zeitpunkt in Wildungen tätigen Seelsorger, und zwar für ein nicht unahnsehnliches Honorar. Friedhelm Feiler listet auf: 50 Mutten reinen Korns, zur Hälfte Gerste und Roggen, 60 Reichstaler, 6 Fuder Holz, dazu freie Wohnung mit einem großen Garten.

Nicolai macht sich nach der Amtsübernahme sofort daran, die Calvinisten verbal und schriftlich zurückzudrängen. Die wehren sich ebenso heftig.

Im Sommer 1597 allerdings gibt es weitaus Wichtigeres zu tun, denn die Pest bricht aus. Unna verliert in jenem Jahr 1400 Menschen an die verheerende Seuche. Mehr als die Hälfte der Stadtbevölkerung wird dahingerafft. In dieser Zeit des Todes und Grauens entsteht das wohl bedeutendste und schönste Buch Philipp Nicolais. Es heißt „Freudenspiegel des ewigen Lebens“ und enthält unter anderem jene beiden Choräle, die bis heute zum gesanglichen Allgemeingut der Kirchen gehören. Nicolai wollte seinen Gemeindemitgliedern in jener Zeit Hoffnung machen, Trost spenden und sie im Glauben an ein paradiesisches Jenseits stärken. Ob die Choräle tatsächlich direkt in Unna entstanden oder hier nur erstveröffentlicht wurden, steht nicht so ganz fest.

Man beachte den Plural  in einem der vorhergehenden Sätze (… der Kirchen) oder im Einleitungssatz (… der Gesangbücher). Beide Choräle gehören zum Bestand des ökumenischen Liedguts, erscheinen also auch im Gottes Lob.

Der Stadtprediger Philipp Nicolai bleibt nicht lange in Unna. Ab 1601 wirkt er als Hauptpastor an der St. Katharinen-Kirche in Hamburg. Dort stirbt er 1608 nach einem arbeitsreichen, kreativen und zugleich streiterfüllten Leben.

Auch heute erinnert die Ev. Stadtkirche Unna noch an Philipp Nicolai. Im Turmgewölbe hängt eine eine Bronzetafel, die auf Philipp Nicolai hinweist. Die Kirchenfenster von 1964/65 hat Emil Kiess aus Donaueschingen geschaffen. Sie gehen auf die kirchlichen Hauptfeste ein und thematisieren auch die beiden bekannten Choräle, wobei besonders das Sternenfenster augenfällig ist. Nicht ganz so augenfällig sind zwei Bildtafeln des Malers Rudolf Schäfer.

Diese Zeugnisse erinnern freilich weitaus weniger lebendig an Philipp Nicolai als die beiden Choräle. Johann Sebastian Bach hat ihnen in seinen unvergleichlichen Sätzen zusätzlichen Glanz verliehen. Es versteht sich von selbst, dass sie bis heute zum Repertoire der Philipp-Nicolai-Kantorei und des Posaunenchores gehören.

Jürgen Korvin

Der Verfasser hat sich an ihm zur Verfügung gestellten Ausführungen von Friedhelm Feiler orientiert. Sein halbes Leben hat sich der Unnaer mit der Geschichte seiner Heimatstadt befasst und Anfang 2011 seine Recherchesammlung – immerhin  ein knapp halbes Hundert Leitzordner – dem Stadtarchiv Unna übergeben. Wenn man dem entsprechenden Bild im Hellweger Anzeiger folgt, waren sie nicht nur prallgefüllt, sondern dem äußeren Anschein nach auch wohlgeordnet.