Die Bergung im Detail


Erfolgreiche Bergung an der Stadtkirche Unna *

Von Dirk Becker, Hellweeger Anzeiger, 21.03.2018
MIT VIDEO

Die Bergung der Gesteinsbrocken vom Gewölbe der Stadtkirche geht binnen einer Stunde glücklich zu Ende. Das Wahrzeichen nimmt keinen weiteren Schaden.

Überall strahlende Gesichter, Hans-Peter Wigger spendet sogar Beifall: Um 11.39 Uhr gibt es an diesem Mittwoch tatsächlich jede Menge Grund zur Freude. Genau da nämlich stellte ein Kranführer den zweiten riesigen Gesteinsbrocken auf eine Lkw-Ladefläche, den er mit seinem Gefährt vom Gewölbe der Stadtkirche entfernt hatte.

Der Sturm „Friederike“ hatte am 18. Januar eine Fiale vom Turm der Stadtkirche gestürzt. Eines von drei großen Teilen landete auf dem Kirchplatz, zwei stürzten jedoch auf das Dach des Gotteshauses. Mehr als zwei Monate lasteten also rund zweieinhalb Tonnen Gestein auf dem Kreuzgewölbe. Das drohte einzustürzen, wurde mit Holzpfeilern gestützt. Eine Arbeit, die sich gelohnt hat – das steht am Mittwochmittag fest, denn die Stadtkirche wurde von weiteren Schäden verschont.

Um 10.45 Uhr sind die Verantwortlichen aus der Evangelischen Kirchengemeinde Unna und dem Evangelischen Kirchenkreis Unna noch angespannt. In den Gesichtern ist die Nervosität abzulesen – zumal sie noch auf den Kranwagen warten, der die Bergung überhaupt möglich macht. In die Sorgen mischt sich aber auch Zuversicht. Alle Beteiligten wissen, dass alles getan wurde, um das Gewölbe zu schützen.

Ein letztes Mal betreten sie die Kirche. Im Innern richtet sich der Blick automatisch nach oben – und das, obwohl die verhüllten Orgeln auch ein ungewöhnliches Bild bieten. Die Sorgen aber macht das Gewölbe. Zahlreiche Holzstützen geben ihm Sicherheit. „Eigentlich konnte nichts passieren“, wird Markus Ott, Architekt beim Kirchenkreis, nach der geglückten Aktion sagen. Doch jetzt ist das noch anders, jetzt quälen ihn noch Sorgen.

Ungewöhnlich ist nicht nur die Aktion selbst. Auch eine solche Vielzahl von Medienvertretern muss der Kirchenkreis sonst nicht unter einen Hut bekommen. Fotografen und Redakteure stehen beieinander, alle bekommen Schutzhelme. Unsere Redaktion plant einen Drohnenflug, um die Aktion im Video zu begleiten. Auch dafür muss ein Startplatz gefunden werden, der gewährleistet, dass die Drohne fliegen kann, die Arbeiten aber nicht stört.

All das gelingt – und pünktlich fährt auch der Kranwagen vor. Der Fahrer sichert sein Fahrzeug, dann ist eine genaue Besprechung mit den Männern wichtig, die die Bergung von oben, in einer Höhe von etwa 13 Metern, steuern. Dann endlich nimmt der Fahrer in seinem Fahrzeug Platz.

Interessierte Beobachter

Unter den Menschen, die das Geschehen verfolgen, ist auch Superintendent Hans-Martin Böcker. Er war schon mehrfach in Unna, um sich über die Sturmschäden zu informieren, und kennt die Sorgen der Gemeinde. Und natürlich ist auch Hans-Peter Wigger dabei. Der Vorsitzende des Vereins zum Erhalt der Stadtkirche erinnert sich: „Das ist die größte Aktion, seit die neue Kirchturmspitze 1949 auf den Turm gehoben wurde.“

Der Arm des Kranwagens fährt aus, mehrere Metallketten hängen an der Spitze. Oben befestigen Arbeiter die Bruchstücke der Fiale daran. Die Gurte haben sie schon in den Tagen zuvor um das Gestein gelegt. „Es geht los“, ist aus der Menge zu hören. Und tatsächlich schwebt wenige Augenblicke später ein tonnenschweres Stück Gestein in der Luft. Es wird in der Nähe des Kirchenportals auf eine Palette auf der Ladefläche eines Lastwagens abgelegt.

Der Lkw gehört der Firma Paetzke aus Hörstel im Emsland. Sie wird eine neue Fiale erstellen. Die Bruchstücke können lediglich als Schablone dienen. Natürlich hätte die Gemeinde das Material gerne wiederverwendet, doch vermutlich ist es mit Haarrissen durchzogen. Eine Wiederverwendung wäre also zu gefährlich.

Darüber, was mit den Bruchstücken passiert, wird die Kirchengemeinde noch diskutieren. Eine Ausstellung ist eine Idee, eine Versteigerung eine andere.

Wenige Minuten nach dem ersten Teil, das einst die Mitte der Fiale gebildet hatte, hängt auch deren Spitze in der Luft. Als sie in Richtung Lkw schwebt, ist den Menschen auf dem Kirchplatz schon zum Scherzen zumute. „Jetzt werden die Teile wieder zusammengesetzt“, mutmaßt eine Frau. Tatsächlich ist kurz zu erkennen, wie sich einst ein Teil ans andere fügte.

Es hat nicht einmal eine Stunde gedauert, bis beide Teile unten sind und von oben die gute Nachricht kommt, dass alles funktioniert hat. Darauf könnte man mit einem Sekt anstoßen, doch die Beteiligten wählen lieber den wärmenden Kaffee.

Auf sie wird auch in der Zukunft viel Arbeit zukommen. An diesem Mittwoch werden noch zwei zurückgebaute Sparren wieder eingesetzt, außerdem wird das Dach geschlossen. Im Inneren wird in den nächsten Tagen vor allem Schutt abgefahren. Danach können Gemeinde und Kirchenkreis endlich eine genaue Schadensaufstellung vornehmen. Und daraus kann dann ein Sanierungsplan für die Stadtkirche entwickelt werden.

Pfarrerin Renate Weißenseel hofft, dass die Gemeinde die Kirche dann auch möglichst bald wieder nutzen kann. „Wir können zwar ausweichen, aber die eigene Kirche ist eben doch etwas anderes“, sagt sie und verweist nicht nur auf die Gottesdienste. Die finden derzeit im Martin-Luther-Haus statt. Damit gehbehinderte Menschen den Giebelraum überhaupt erreichen können, hat die Gemeinde einen Treppensteiger angemietet. Zum Osterfest allerdings dürften die Kapazitätsgrenzen im Martin-Luther-Haus endgültig erreicht werden. „Dann singt die Kantorei und wir haben auch noch eine Taufe“, weiß die Pfarrerim.

  1. 10:00 Uhr Das Wetter passtDer Bergung des Gesteins vom Dach der Stadtkirche steht nichts im Wege. Mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt ist es zwar kalt, aber die Sonne scheint. Und anders als beim Sturm Friederike am 18. Januar weht auch nur ein zartes Lüftchen.
  2. 10:34 Uhr Warten auf den KranwagenZwei große Bruchstücke müssen geborgen. Noch aber warten die Verantwortlichen auf den Kranwagen, der dafür gebraucht wird. Um 11 Uhr soll die Bergung beginnen.
  3. 10:57 Uh rDer Kran stehtDer Kranwagen wurde aufgestellt. Die Experten besprechen letzte Details.
  4. 11:30 Uh rErstes Stück geborgenDas erste Teil der abgebrochenen Fiale ist geborgen. Ein Restaurator hat es auf seinen Lkw legen lassen.
  5. 11:33 Uhr Zweites Teil gesichertJetzt ist auch das zweite Teil gesichert. Offenbar ohne weiteren Schaden an der Kirche.
  6. 11:38 Uh rKran hebt zertrümmerte Dachbalken herabJetzt schweben noch zwei Dachbalken herab, die die Fiale bei ihrem Einschlag zertrümmert hat.
  7. 12:22 Uhr Die Arbeiten sind abgeschlossenErleichterung bei allen Beteiligten: Vom Turm kommt die Nachricht, dass alles perfekt gelaufen ist.
  8. 12:47 Uhr Dach wird abgedichtetNachdem das Gestein erfolgreich geborgen wurde, wird heute noch das Dach abgedichtet. Damit beenden wir unseren Liveticker. Eine ausführliche Berichterstattung gibt es in der Printausgabe und auf unserer Homepage.

Stadtkirche

Der große Tag ist gekommen: Was passiert, wenn man die eingeschlagene Fiale aus dem Dach der Stadtkirche zieht.Nachdem das beschädigte Deckengewölbe von innen abgestützt wurde, konnte ein Kran diese Frage beantworten: Nichts passiert, die Erleichterung ist groß.Obwohl natürlich noch viel Arbeit und viele Kosten auf die Kirchengemeinde zukommen werden.Zu den interessierten Beobaachtern zählte auch Superintendent Hans-Martin Böcker (r.)Der Baum nahe der Stadtkirche störte die Bergungsarbeiten nicht.Auf diesem Foto ist zu erahnen, wie die Bruchstücke einst übereinander gehörten.

Probebohrungen sollen neue Aufschlüsse geben

Die Stadtkirche ist, was die für ihren Bau verwendeten Materialien angeht, offenbar ein Buch mit sieben Siegeln. Das zeigte sich auch am Mittwochmorgen. Noch vor dem Beginn der Bergungsarbeiten hatte eine Expertin an drei Stellen Probebohrungen durchgeführt.

„Obwohl sich das Gestein an den einzelnen Stellen sehr ähnelt, liegt eine völlig unterschiedliche Festigkeit vor“, berichtete Dietrich Schneider, Öffentlichkeitsreferent beim Evangelischen Kirchenkreis Unna.

Wie berichtet, müssen nicht nur die Schäden am Turm und am Gewölbe der Stadtkirche repariert werden. Auch die Fassade muss mittelfristig saniert werden. Für alle Arbeiten ist es aber wichtig, zu wissen, welche Materialien beim Bau der Kirche verwendet wurden und welche Stabilität diese noch geben. Darüber sollen die am Mittwoch genommenen Gesteinsproben nähere Aufschlüsse geben.

Dass beim Bau von Kirchen verschiedene Materialien verwendet werden, ist nicht ungewöhnlich. Beim Bau alter Kirchen war oft nicht genug Material einer Sorte verfügbar. Zudem wurden Gotteshäuser immer wieder erweitert und das ursprüngliche Gesteinsmaterial konnte nicht mehr besorgt werden. „Wir warten mit Spannung auf die Ergebnisse der Bohrungen“, erklärte Schneider.

*Die Veröffentlichung erfolgt mit Genehmigung des Hellweger Anzeigers bzw. des Verlagshauses Rubens