Musik an der Stadtkirche

1949 erschien in der Kinderchorprobe ein schlaksiger junger Mann, der sich als der neue Organist vorstellte. Es war Uwe Röhl. Er übernahm am 1. Juni 1949 sein Amt und trat die Stelle noch als B-Musiker an. Seine A-Qualifikation absolvierte er nebenbei. Sein besonderes Anliegen war die Arbeit mit jungen Leuten.

Da die Anzahl der jungen Stimmen im Chor kontinuierlich wuchs, gründete Uwe Röhl die „Jugendkantorei“. Ihr gehörten die Jugendlichen ab der Konfirmation an. Der neu gegründete Chor hatte seinen ersten Auftritt am Reformationstag 1959, Im nächsten Jahr, einem Bachjahr, sang man bereits zwei Kantaten: „Erschallet ihr Lieder“ (BWV 172) und „Gott der Herr ist Sonn‘ und Schild“ (BWV 79). Dabei durften auch die Mitglieder des Kinderchores mitsingen. Später folgten fast alle großen Oratorien.

Der sperrige Name „Jugendabteilung des evangelischen Kirchenchores“ wurde zu Ehren des Stadtpredigers aus dem 16./17. Jahrhundert, der Zeit der großen Pest, in „Philipp-Nicolai-Kantorei“ geändert.

Schließlich wurde der Chor aber selbständig, und der alte Kirchenchor verschwand. Neben der Konzerttätigkeit, die in den folgenden Jahren mehr und mehr zunahm, war und ist eine der Aufgaben der Kantorei die Mitgestaltung der Gottesdienste. An Weihnachten wurde die alte Tradition des Quempassingens (mit Unterbrechung bis heute) fortgeführt. Die Konzerte wurden von renommierten Solisten und Orchestermusikern mitgestaltet. Die erste Chorreise unternahm man 1952 in die Heimat des Kantors. 1953 erfolgten Rundfunkaufnahmen.

1956 folgte Uwe Röhl einem Ruf an den Schleswiger Dom. Seine Stelle übernahm Karl Helmut Herrmann. Er setzte die von Uwe Röhl begonnene Tätigkeit mit Konzerten, Gottesdiensten, Reisen und Orgelkonzerten fort. Zu seiner Zeit sang die Kantorei an jedem Sonntag im Gottesdienst. An die Stelle des Orgelvorspiels trat ein sogenannter Introitus, der meistens von Karl Helmut Herrmann nach einem Bibelwort selbst komponiert war. Auch die Konzertreisen wurden fortgesetzt.

Zur Gründung des geplanten Kammerchores der Kantorei kam es nicht mehr, da Karl Helmut Herrmann Unna verließ. Anlass war, dass Uwe Röhl zum Professor an der Landeskirchenmusikschule Lübeck berufen wurde. Auf seinen Vorschlag hin wurde Karl Helmut Herrmann an den Dom in Schleswig berufen. Zwei Tage nach dem Weggang Herrmanns folgte ihm Reinhart Weiß. Er nahm, wie er selbst sagte, den Ruf an die Stadtkirche vor allem wegen der Leistungsstärke der Kantorei an. Er gab die Leitung aber bereits nach ca. zwei Jahren wieder auf, nachdem es zu Reibereien mit der Stadtkirchengemeinde kam, die nicht beigelegt werden konnten.

Es folgte ein mehrere Monate dauerndes Interregnum, in dem der Chor aber weiterbestand. Im Dezember 1970 trat Martin Weimann das Amt des Kantors an der Stadtkirche an. Er war es, der den Neubau der Rensch-Orgel im Jahr 1973 begleitete, die heute eine der bedeutendsten in Nordrhein-Westfalen ist.

Im Jahr 1974, anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Kantorei wurde sie von Karl Helmut Herrman gespielt. Weimann setzte die Tätigkeit seiner Vorgänger kontinuierlich fort. Auch ihm lag besonders die Jugendarbeit am Herzen. Im Jahr 1975 kamen 50 Mädchen und Jungen zu den Kinderchorproben. Daraufhin erfolgte eine Teilung in zwei neue Jugendchöre: den Mädchenchor und den Chor der „Märkischen Chorknaben“. In dieser Zeit begann auch die musikalische Früherziehung, bei der heute bereits Dreijährige mitmachen. Mit dem Erreichen der Altersgrenze beendete Martin Weimann 1997 seine Tätigkeit in Unna.

Schon 1996 begann die Suche nach einem Nachfolger bzw. einer Nachfolgerin. Aus 20 Bewerbern wurde die Stelle mit Hannelore Höft neu besetzt. Christian Stipeldey schreibt dazu in seiner Denkschrift zum 50-jährigen Bestehen des Chores: „Die Philipp-Nicolai-Kantorei war — wie in den Fällen zuvor — von Anfang an am Entscheidungsprozess des Presbyteriums unmittelbar beteiligt“.

Neben der Tätigkeit als Organistin und Leiterin der Chöre übernahm Hannelore Höft auch wieder die Leitung des Posaunenchores, die Martin Weimann abgegeben hatte. Auch sie schloss sich der Tradition der Unnaer Kirchenmusik an. Die Philipp- Nicolai-Kantorei singt weiterhin in Konzerten (nicht nur in Unna) und in Gottesdiensten. Auch die Tradition des Quempassingens am Heiligen Abend wurde beibehalten. Aus Mädchenchor und Chorknaben entstand zu ihrer Zeit neben der „großen“ Kantorei die „Jugendkantorei“ unter diesem Namen neu. Ihre Arbeit mit den Chören übt sie „bestimmend und energisch und mit viel Schwung aus“ (Christian Stiepeldey). Sie selbst sagt: „Kontinuität und vorsichtiger Wandel auf neuen Wegen“ sei der Leitgedanke ihrer Tätigkeit.

Hannelore Höft ist Kirchenmusikdirektorin und Kreiskantorin. Sie hat die Philipp-Nicolai-Kantorei auf ein hohes Niveau geführt, was sich in den Konzertkritiken und Gesprächen mit Zuhörern widerspiegelt. Zum 50-jährigen Jubiläum kamen Uwe Röhl und Karl Helmut Herrmann an ihre alte Wirkungsstätte zurück. Und es erklang noch einmal die Kantate „Erschallet ihr Lieder“.

Heute ruht die Kirchenmusik an der Stadtkirche auf mehreren Säulen. Neben der Philipp-Nicolai-Kantorei sind das der Kinderchor, die Jugendkantorei, der Posaunenchor und das Flötenensemble „ensemble tibicinium“. Die dritte Strophe des Nicolai-Chorals „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ ist seit Jahrzehnten die inoffizielle „Hymne“ der Kantorei: „Gloria sei dir gesungen!“

Von Brigitte Paschedag, geschrieben anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der Kantorei im Jahre 2019.

Foto: Dirk Neuhaus, im Bild rechts.